Die bequeme Selbsttäuschung des «Lesemüden»
Dass Lesekompetenz abnimmt, ist unbestritten. Dass sie je wieder zunehmen wird, darf bezweifelt werden. Und doch: Die Menschen arbeiten heute im Schnitt deutlich weniger als ihre Urgrosseltern, behaupten aber, keine Zeit mehr zum Lesen zu haben. Wie kann das sein? Vielleicht, weil sie ihre Freizeit mit mehr Reizüberflutung verdichten als jede Generation vor ihnen.
Die durchschnittliche Verweilzeit auf Websites liegt meist deutlich unter zwei Minuten — das vermeintliche Totschlagargument der Kurztextbefürworter. Doch wer sich am Durchschnitt orientiert, wird nie in der Oberklasse spielen. Wer die Gausssche Glockenkurve übersieht und die Denkstärkeren am oberen Ende der Verteilung nicht anspricht, lässt das Denken dort verhungern, wo es am fruchtbarsten wäre.
Lesen gilt als anstrengend, Videos schauen scheinbar nicht. Dabei steckt in einem mittelmässigen Erklärvideo oft mehr Text, als man einem Leser je zumuten würde. Nur: Querlesen kann man Texte — Videos nicht «querschauen». (Und der Trend, sie in doppelter Geschwindigkeit zu konsumieren, ist eine zivilisatorische Bankrotterklärung, über die ich besser schweige.)
Dass Hörbücher boomen, ist kein Trost. Sie werden konsumiert, weil sich nebenbei noch etwas anderes erledigen lässt: putzen, pendeln, posten. Beschäftigung wird mit Bildung verwechselt.
Sie lesen schon — nur nichts mehr, das sie weiterbringt
Lesen tun sie genug: Nachrichten, E-Mails, Pushmeldungen, Chatverläufe, Kommentarspalten – ein unendlicher Strom an Zeichen, der selten in die Tiefe führt. Wer ehrlich ist, erkennt sich darin wieder: Wir lesen dauernd, aber selten mit Absicht. Wir sind Textjunkies ohne substanziellen Anspruch.
Das eigentliche Problem ist deshalb vielleicht gar nicht das «Lesenwollen», sondern das «Schreibenwollen» und die Lesefaulheit ist nur eine Ausrede für Schreibfaulheit, die meist in Denkfaulheit ihren Ursprung hat. Denn: Wer schreibt, denkt. Deshalb ist es bequemer, zu sagen: «Das liest doch niemand!» — als zuzugeben: «Ich habe nichts zu sagen» oder, noch schlimmer «ich habe nichts zu denken».
Kaum jemand will sich noch die Mühe machen, einen Gedanken wirklich zu Ende zu denken — und ihn dann für andere zu formulieren. Ein guter Text braucht Musse, Konzentration und Selbstkritik. Drei Qualitäten, die im heutigen Kommunikationsrausch kaum noch vorkommen.
Text ist kein Hindernis — Text ist ein Bekenntnis
In der Unternehmenskommunikation wird gern mit «Textreduktion» kokettiert. Man will «auf den Punkt kommen». Nur: Der Punkt ist meist hohl. Wer seine Zielgruppe für zu dumm hält, ganze Sätze in ganzen Absätzen zu verstehen, produziert am Ende Content für niemanden. Das ist keine Inklusion, das ist Infantilisierung — über deren gesellschaftliche Folgen man besser gar nicht erst zu sprechen beginnt.
Nur soviel: Sich am schwächsten Glied in der Kette der User bzw. Leser zu orientieren, mag gut gemeint sein — es schwächt aber das starke, und das ist das Gegenteil von gut. Diejenigen, die wirklich etwas wissen wollen, bleiben unbedient zurück. Und die, die nichts wissen wollen, sind mit Giphy und der Emoji-Tastatur ohnehin bestens versorgt. Wer seinen Anspruch aus Angst vor Einsamkeit ständig nach unten korrigiert, bleibt am Ende allein — und nützt oder hilft niemandem.
Ein Text darf fordern — er muss es sogar
Ein guter Text ist kein Serviervorschlag, sondern ein Gedankengang. Er darf die Sprachkompetenz seines Lesers leicht übersteigen — genau das ist sein pädagogischer Auftrag. Er soll klar und kohärent sein, darf aber abschweifen, wenn die Abschweifung selbst das Thema ist. (Schon mal Dostojewski gelesen?) Und er darf provozieren — weil Denken immer einen Anstoss braucht. Ob ein Text «interessant» ist, entscheidet nicht der Schreiber, sondern der Leser. Die Aufgabe des Autors ist es, ein Angebot zu machen — kein Alibi.
4000 Jahre Text — und kein bisschen leise
Seit rund 4000 Jahren — seit den Keilschriften Mesopotamiens — ist der Text das präziseste Kommunikationsmittel der Menschheit. Daran hat bisher kein Medium etwas geändert. Warum? Weil Text …
- … überall funktioniert, wo Auge und Geist mitspielen,
- … vergleichsweise leicht zu produzieren ist (vs. aufwändige Videoproduktion),
- … frei zugänglich und freiwillig konsumierbar bleibt — niemand wird zur Lektüre gezwungen,
- … maximale Präzision bietet, frei von Toneinfärbung und Darbietung,
- … sich mühelos übersetzen und dauerhaft archivieren lässt,
- … und sowohl Suchmaschinen wie auch Gedanken füttert.
Dass mir noch mehr Vorteile einfallen — wie bessere Zitierfähigkeit, Fortbestehen jenseits technischer Formate oder minimaler Speicherbedarf — überlasse ich dem geneigten Leser zur Reflexion.
Text ist das demokratischste Medium überhaupt — er zwingt niemanden, und er belohnt jeden, der sich ihm widmet.
Schluss mit der Textfeigheit
Vielleicht sollten wir aufhören, Leser zu unterschätzen. Vielleicht sollten wir wieder Texte schreiben, die zu lang sind, um sie nebenbei zu lesen, und zu gut, um sie wegzuklicken. Denn: Wer schreibt, wagt Öffentlichkeit. Wer schreibt, bekennt Haltung. Wer schreibt, zeigt Geist.
«Das liest doch niemand?» — Doch. Wir.
Die, die noch denken, bevor sie posten. Die, die Worte nicht zählen, sondern wägen. Die, die Sprache nicht für Dekor halten, sondern für Kultur — und genau deshalb nicht schweigen.