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Spirito
#5

Eitelkeit — über den stillen Motor des Gestaltens

Eitelkeit ist ein Wort mit schlechter Presse. Sie wird als Oberflächlichkeit abgetan, als übertriebene Sorge um das eigene Bild. In den grossen moralischen Katalogen — von der Bibel bis zu Kant — taucht sie selten als Tugend auf. Und doch: Ohne Eitelkeit gäbe es keine Kathedralen, keine Haute Couture, keine sorgfältig gesetzte Typografie.

Eitelkeit ist der stille Motor hinter dem Drang, einen guten Eindruck zu hinterlassen — nicht nur auf andere, sondern auch auf uns selbst. Sie ist das, was Michelangelo antrieb, noch die unsichtbaren Bereiche seiner Skulpturen auszuarbeiten, weil er wusste, dass er es sehen würde. Sie ist das, was einen Architekten dazu bringt, die Linienführung einer Dachkante zu perfektionieren, die nur aus der Vogelperspektive sichtbar ist.

In der Kommunikation wirkt Eitelkeit wie ein innerer Qualitätsfilter. Wer eitel genug ist, um nicht schlecht dazustehen, wird keine Präsentation mit schlampigen Folien verschicken, keinen Claim in die Welt setzen, der ihm selbst peinlich wäre. Eitelkeit zwingt uns, genauer hinzusehen, bevor wir etwas veröffentlichen — und das schützt vor Mittelmass.

Natürlich kann Eitelkeit kippen, ins Protzen, ins Zuviel. Aber in ihrer kultivierten Form ist sie nichts anderes als ein ästhetisches Verantwortungsbewusstsein. Sie sagt: Wenn ich schon gesehen werde, dann bitte so, dass es der Sache dient — und dass ich mich selbst in diesem Bild erkennen kann.

Vielleicht sollten wir also aufhören, die Eitelkeit reflexhaft zu verdammen. Sie ist keine Schwäche, sondern eine Haltung. Sie mahnt uns, im Kleinen wie im Grossen nur das zu zeigen, wozu wir auch wirklich stehen können.