Es gibt ein Lied von Mani Matter, das von Menschen erzählt, die Hemmungen haben. Die nie ein Lied vorsingen würden, nicht aus Unmusikalität, sondern weil etwas in ihnen sagt: Lass das. Matter singt darüber ohne Mitleid, eher mit einer leisen Zuneigung. Denn Hemmungen sind nicht nur Schranken — sie sind auch Halteseile.
In einer Welt, in der jede Meinung sofort publiziert, jeder Einfall sofort gepostet und jede Laune in Echtzeit gestreamt wird, wirken Hemmungen wie ein archaischer Reflex. Sie sind das letzte Überbleibsel einer Zeit, in der man abwog, bevor man sprach, und prüfte, bevor man handelte — eine Tugend, die schon Aristoteles in seiner Rhetorik als Kunst der «angemessenen Zurückhaltung» kannte. Was für viele ein Makel ist — zu zögerlich, zu zurückhaltend — könnte genau das sein, was uns davor bewahrt, uns selbst zu entblössen, unsere Haltung zu verramschen oder in den Chor der Marktschreier einzustimmen.
In der Kommunikation sind Hemmungen ein unterschätztes Gestaltungsmittel. Sie verhindern, dass Botschaften in den peinlichen Bereich der Anbiederung kippen. Sie sind das stille Wissen, wann man besser schweigt, wann man das Offensichtliche nicht ausspricht, wann man nicht auf jede Provokation antwortet. Kierkegaard hätte gesagt: Hemmungen sind die «Ehrfurcht vor der Möglichkeit» — das Wissen, dass Schweigen manchmal mehr Türen offen lässt als ein zu frühes Wort.
Auch im Design gibt es diese Hemmung. Sie zeigt sich im Mut, wegzulassen – ganz im Geiste des japanischen Ma, des bewussten Raums zwischen den Dingen. Im Vertrauen, dass eine weisse Fläche lauter sprechen kann als ein schriller Effekt. In der Erkenntnis, dass ein Logo, das nicht alles erzählt, mehr Raum für Fantasie lässt — wie ein Bild von Agnes Martin, das mit fast nichts mehr als Linien und Flächen eine Art stille Unendlichkeit aufspannt.
Hemmungen sind nicht das Gegenteil von Freiheit. Sie sind die Form, die Freiheit lesbar macht. Vielleicht liegt darin die grösste Hoffnung: dass wir, trotz aller Versuchung, immer noch genug Hemmungen haben.