Ist Lust nicht ein Wort, das man sich heutzutage abgewöhnen soll? Zu weit weg vom Intellekt, zu wenig kontrolliert, zu schwer einzuordnen. In der Arbeit hat Lust nichts verloren, heisst es. Dort zählen Disziplin, Effizienz, Zielorientierung. Und doch beginnt fast jede Form von herausragender Leistung — auch oder gerade in der Gestaltung — genau dort, wo Lust im Spiel ist. Nicht als Übermut, sondern als innerer Antrieb.
Lust ist das leise Ziehen, das uns antreibt, genauer hinzusehen. Die Freude an einer Linie, die stimmt. An einem Satz, der sich schliesst. An einer Idee, die plötzlich Form annimmt. Ohne diese Lust gäbe es keine Ausdauer, keine Sorgfalt, keinen Willen zur Wiederholung. Man kann Gestaltung erlernen, Methoden anwenden, Prozesse befolgen — aber ohne Lust bleibt sie leblos.
Seit bald dreissig Jahren ist es genau diese Lust, die uns antreibt. Die Lust am Denken, am Ordnen, am Verwerfen und Neuansetzen. Die Lust daran, Dinge besser zu machen, nicht weil man muss, sondern weil man es will. Sie ist kein flüchtiges Hochgefühl, sondern eine konstante Energie. Eine, die auch dann trägt, wenn es mühsam wird.
Lust hat nichts mit Masslosigkeit zu tun. Sie ist nicht das Gegenteil von Disziplin, sondern ihre Voraussetzung. Der Koch Giorgio Barchiesi brachte es einmal augenzwinkernd auf den Punkt: «Diät ist für mich die Denkpause zwischen zwei Mahlzeiten.» Lust kennt Pausen, sie kennt Umwege — aber sie verliert das Ziel nicht aus den Augen. Sie weiss, dass Genuss Tiefe braucht, nicht Quantität.
In der Gestaltung zeigt sich Lust als Spieltrieb. Als Bereitschaft, etwas auszuprobieren, ohne den Ausgang zu kennen. Als Mut, sich auf eine Idee einzulassen, bevor sie abgesichert ist. Diese Lust ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Denn nur wer selbst Lust empfindet, kann etwas schaffen, das andere berührt.
Vielleicht ist Lust deshalb der ehrlichste Motor der Gestaltung. Sie lässt sich nicht erzwingen, nicht verordnen, nicht simulieren. Sie ist da — oder sie fehlt. Wo sie fehlt, wird Arbeit mechanisch. Wo sie da ist, entsteht Energie. Und manchmal sogar Schönheit.