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Spirito
#15

Prinzipien — über die Kraft des Unverhandelbaren

Prinzipien geniessen keinen guten Ruf. Sie gelten als starr, kompromisslos, bisweilen sogar als unzeitgemäss. Wer Prinzipien hat, heisst es, sei wenig flexibel. Wer erfolgreich sein wolle, müsse sich anpassen. Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis.

Prinzipien entstehen selten am Schreibtisch. Sie entstehen dort, wo Entscheidungen Folgen haben. Wo man etwas ausprobiert, scheitert, neu beginnt und sich irgendwann fragt, weshalb der eine Weg trägt und der andere nicht. Prinzipien sind keine Eingebungen. Sie sind verdichtete Erfahrung.

Deshalb unterscheiden sie sich auch von der viel beschworenen DNA eines Unternehmens. DNA besitzt man. Prinzipien entwickelt man. Sie verändern sich, weil Menschen Erfahrungen machen. Und doch gibt es einen Punkt, an dem sie unverhandelbar werden. Nicht aus Starrsinn, sondern weil sie sich bewährt haben.

Wer seine Prinzipien offenlegt, macht sich angreifbar. Aber er macht sich auch berechenbar. Kunden erleben keine unangenehmen Überraschungen, weil sie schon vor einer Zusammenarbeit wissen, woran sie sind. Prinzipien ziehen nicht zwangsläufig mehr Kunden an. Sie ziehen die passenderen an.

Dabei sind Prinzipien etwas anderes als Regeln. Regeln beantworten Einzelfälle. Prinzipien helfen, neue Situationen zu beurteilen. Eine Checkliste sagt, was zu tun ist. Ein Prinzip erklärt, warum. Gerade deshalb sind Prinzipien nichts für Nichtdenker. Sie verlangen Urteilskraft statt Gehorsam.

Groucho Marx spottete einst: «Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.» Der Witz funktioniert, weil wir sein Gegenteil bewundern. Menschen, deren Überzeugungen mit dem nächsten Vorteil verschwinden, mögen bequem sein. Verlässlich sind sie nicht.

Oscar Wilde meinte, nicht Prinzipien, sondern Persönlichkeiten bewegten die Welt. Wahrscheinlich hatte er recht. Doch woran erkennen wir eine Persönlichkeit, wenn nicht daran, dass sie ihren Prinzipien auch dann treu bleibt, wenn es unbequem wird? Charakter zeigt sich selten dort, wo alles gelingt. Sondern dort, wo etwas auf dem Spiel steht.

Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Kraft. Prinzipien sollen nicht verhindern, dass wir dazulernen. Sie sollen verhindern, dass wir uns selbst verlieren. Sie machen Entscheidungen nicht einfacher. Aber sie machen sie verständlicher – für andere und für uns selbst.