Die gerade Linie gilt als Ideal: effizient, direkt, ohne Umwege. Doch alles wirklich Interessante im Leben entsteht selten auf dieser Strecke. Die grossen Entdeckungen, die kleinen Aha-Momente, selbst die grossen Lieben — sie verdanken sich dem Schweifen, dem Abkommen vom geplanten Pfad.
Schon die Spaziergänge der Romantiker waren weniger Fortbewegung als Methode. Wer schweift, lässt Gedanken frei mäandern, verliert sich im Nebensächlichen und findet gerade darin das Wesentliche. Nietzsche sprach vom «langen Gehen», das den Geist in Bewegung bringt. Und Walter Benjamin notierte als Flaneur, dass der Umweg durch die Stadt mehr enthüllt als jeder direkte Weg von A nach B.
In der Logik der Effizienz ist Schweifen Zeitverschwendung. In der Logik der Kreativität ist es unverzichtbar. Denn nur wer den Weg verliert, stösst auf Dinge, die er nicht gesucht hat. Ideen entstehen selten am Schreibtisch, sie tauchen auf beim Umherirren, im Gespräch abseits des Themas, im scheinbar unproduktiven Augenblick.
Vielleicht sollten wir dem Schweifen wieder mehr Raum geben — in unserem Denken, in unserer Arbeit, in unserem Alltag. Nicht als Flucht vor Klarheit, sondern als Umweg, der uns zu ihr hinführt. Denn manchmal ist es genau der Umweg, der uns dort ankommen lässt, wo wir nie hinwollten, aber unbedingt hingehörten.