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Spirito
#16

Sprache — über das unsichtbare Design des Denkens

«Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte ist, dann missraten die Werke. Missraten die Werke, so verderben die Sitten. Verderben die Sitten, so entartet die Rechtsprechung. Entartet die Rechtsprechung, so weiss das Volk nicht, wo es festen Boden findet. Daher achte man darauf, dass die Worte stimmen. Dies ist das Wichtigste von allem.»

Konfuzius schrieb diese Zeilen vor mehr als zweitausend Jahren. Es ist erstaunlich, wie modern sie klingen. Denn sie beschreiben etwas, das wir täglich erleben: Nicht grosse Konflikte bringen Kommunikation zum Scheitern. Sondern kleine Ungenauigkeiten.

Wer kennt sie nicht, jene E-Mails, die man zweimal liest und danach noch immer nicht weiss, was ihr Verfasser eigentlich sagen wollte. Bedienungsanleitungen, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Sitzungen, in denen eine Stunde lang gesprochen wird und am Ende niemand weiss, was beschlossen wurde. Über die volkswirtschaftlichen Kosten von Inflation oder Regulierung wird viel diskutiert. Über die Kosten misslungener Kommunikation erstaunlich wenig.

Sprache besteht nicht aus Wörtern. Sie besteht aus Bedeutung. Worte sind lediglich ihre sichtbare Oberfläche. Darunter liegen Rhythmus, Klang, Präzision, Erfahrung und jene feinen Zwischentöne, die sich weder messen noch vollständig erklären lassen. Sprache transportiert immer auch das, was nicht ausgesprochen wird.

Wer einmal Erich Räuker Steinbecks «Früchte des Zorns» oder Jürgen Hentsch Philip Roths «Der menschliche Makel» hat lesen hören, weiss, dass Sprache weit mehr sein kann als Information. Dieselben Wörter können nüchtern berichtet oder mit einer Tiefe gesprochen werden, die ganze Welten öffnet. Sprache besitzt eine Farbe. Einen Takt. Einen Charakter.

Gerade deshalb ist sie niemals neutral. George Orwell zeigte in 1984, wie Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern Wirklichkeit formt. Wer Wörter verändert, verändert Gedanken. Wer Begriffe verengt, verengt den Raum des Denkbaren. Sprache ist deshalb kein Transportmittel. Sie ist Architektur.

Vielleicht unterschätzen wir sie gerade deshalb so sehr. Wir tippen Nachrichten, schreiben Mails, sprechen in Mikrofone und betrachten Worte als Verbrauchsmaterial. Hauptsache schnell. Hauptsache erledigt. Doch Sprache verarmt nicht plötzlich. Sie verarmt schleichend — jedes Mal ein wenig, wenn wir Ungenauigkeit mit Effizienz verwechseln und Hohlworte an die Stelle eigener Gedanken treten lassen.

Vielleicht ist Sprache deshalb das unsichtbarste aller Gestaltungsmittel. Sie entscheidet darüber, ob Menschen verstehen oder missverstehen, ob Gedanken tragen oder zerfallen, ob Vertrauen entsteht oder verloren geht. Worte sind niemals bloss Worte. Sie sind das Material, aus dem wir unsere Wirklichkeit bauen.